Buchrezension
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Verblendung

Autor: Stieg LarssonISBN: 3453432452

Der deutsche Spiegel hat diese Trilogie - deren erster Teil Verblendung" ist – des mittlerweile verstorbenen Schweden Stieg Larsson als den Gesellschaftsroman unserer Zeit bezeichnet. Das Magazin schien selbst ganz erstaunt darüber, dass „ausgerechnet“ ein Thriller-Autor einen derartigen Meilenstein zu Papier bringen konnte.

Trotz intensiver Beschäftigung mit Literatur weiß ich nicht so recht, woran ich einen großen Gesellschaftsroman erkennen soll. Dennoch habe ich eher den Eindruck, dass es sich hier in erster Linie um einen beinahe hervorragend gelungenen Thriller handelt. Nicht mehr, aber auch kein bisschen weniger.

Die ersten hundert Seiten fand ich mäßig spannend, aber danach gewann das Buch deutlich an Tempo. Die Hauptfiguren sind der Journalist Mikael Blomkvist und die sozial wenig Begabte, aber mit unerwarteten Talenten ausgestattete Lisbeth Salander, die mir anfangs aufgrund ihrer mysteriösen Art gewaltig auf die Nerven ging. Im Gegensatz zu vielen anderen Romanheldinnen (oder ihrem Fall eher Antiheldinnen) hat sie aber einen hervorragenden Grund so zu sein, wie sie ist. Während diese Lisbeth also nicht unbedingt eine Sympathieträgerin ist, wird der Journalist Mikael als äußerst umgänglich und integer dargestellt. Er ist Ende vierzig, geschieden, hat eine Tochter und ein modernes Liebesleben inklusive einer Art „ménage à trois“. Er ist Miteigentümer einer kritischen Zeitschrift namens „Millennium“ und muss sich vor Gericht wegen falscher Berichterstattung verantworten. Mikaels Karriere scheint vorerst mal auf Eis zu liegen, als ihn ein mysteriöser und gleichzeitig lukrativer Auftrag des alten Industriellen Henrik Vanger ereilt: Er soll unter dem Vorwand der Erstellung einer Familienchronik herausfinden, wer die Großnichte des Industriellen, Harriet, auf dem Gewissen hat. Seit 37 Jahren ist sie spurlos verschwunden und Henrik ist überzeugt davon, dass der oder die Schuldige im Familienkreis zu suchen und zu finden ist.

Mikael gräbt sich also durch alte Polizeiberichte, Fotos und Aufzeichnungen, in der Gewissheit, nicht Neues zu Tage zu fördern. Es kommt natürlich anders. Auf vielen Hundert Seiten schildert der Autor sehr spannend, wie Mikael vorankommt und was er dabei alles über die äußerst zerstrittene Familie Vanger erfährt. Während bis ca. Seite 400 keine Gewalt vorkommt, folgt dann eine geballte Ladung ebendieser, die wirklich nicht sonderlich für zarte Gemüter wie z.B. mich geeignet ist. Der „Fall Harriet“ nimmt nämlich noch viel schlimmere Ausmaße an als befürchtet. Ich bin jetzt noch ganz geschockt über die beschriebenen Verbrechen, auch wenn sie in den insgesamt 688 vergleichsweise wenig Raum einnehmen und auch wenn sich der Autor keinesfalls in detaillierten Schilderungen ergeht. Schauderhaft fand ich es auch, wie oft die Realität die Fiktion noch übertrifft: Den schrecklichen Keller, auf den Mikael und Lisbeth stoßen, gibt es in ähnlicher Form bereits – in Österreich gleich zwei Mal, nämlich in den Häusern zweier Sadisten in Wien und in Amstetten. Wem es bei diesem Gedanken nicht die Nackenhaare aufstellt...

Bei der Auflösung ist für mich nur ein Detail nicht sonderlich logisch: Nämlich die Frage der anfangs erwähnten Blume (mehr kann ich an dieser Stelle nicht verraten). Wenig passend fand ich den Titel, der mir beliebig gewählt erscheint. Insgesamt fand ich die Lektüre dieses Buches sehr spannend, mit guten Einblicken in das Leben eines Journalisten und Überlegungen zur Ethik im Journalismus, guten Entwicklungen der Figuren, gleichzeitig stilistisch wenig anspruchsvoll. Die Gewalt liegt mir jetzt noch im Magen, wobei leider die Welt da draußen, wie oben beschrieben, oft noch viel schlimmer ist. Dessen ungeachtet brauch ich vorerst mal ein bisschen Happy-Peppi-Lektüre, z.B. in Gestalt von John Grishams anscheinend sehr witzigem „Playing for Pizza“.

Bewertung:Rezension: Dagmar Jenner Dieses Buch im 0 Cent Buchverleih ausleihen
Seite drucken 2008-07-29

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