|
|
Open
Autor: Andre Agassi ISBN: 0307268195
Nach dem Total-Reinfall mit Simon Beckett endlich ein Buch, dessen Lektüre sich voll und ganz gelohnt hat. Eine hoch willkommene Abwechslung zu den vielen Sachbüchern, die ich derzeit in Vorbereitung auf meine Dissertation lese.
Andre Agassi – auch Unsportliche kennen diesen legendären Tennisspieler, der durch starkes Grundlinienspiel, rebellisches Äußeres (lange Haare, bunte Kleidung) und viele Hochs und Tiefs in den 90er-Jahren von sich reden machte. Insgesamt hat er 8 Grand-Slam-Titel gewonnen und er war auch die Nummer 1 der Welt. Und Olympiasieger 1996.
Nun hat dieser oft als „Paradiesvogel“ bezeichnete Agassi seine Autobiografie vorgelegt. Übrigens findet sich weder am Cover noch auf den ersten Seiten ein Hinweis auf einen Ghostwriter. Bei der Lektüre dachte ich mir immer wieder: Erstaunlich, dass der Mann, der mit 16 die Schule abbrach, um Profi-Tennisspieler zu werden, so gut schreiben kann. Des Rätsels Lösung findet sich ganz hinten im Buch, bei den Danksagungen: Es gab sehr wohl einen Ghostwriter, nämlich J. R. Moehringer, der aber angeblich partout seinen Namen nicht am Cover sehen wollte. Er hat endlose Gespräche mit Agassi aufgezeichnet und aus dem Rohmaterial dieses wunderbare Buch geschaffen – Respekt!
Also, ich halte mich vergleichsweise kurz: Diese Autobiografie ist der absolute Hammer, extrem inspirierend, berührend, oft schockierend. Ein hervorragender Blick hinter die Kulissen des harten Tennislebens und ein tiefer Blick in die Seele des Andre Agassi, der, wie er immer wieder betont, Tennis hasste. Hasste? Ja, weil ihm von Kindesbeinen an keine Wahl gelassen wurde, als Tennis zu spielen. Agassi erzählt von seinem verbal wie körperlich gewalttätigen Vater, seiner hilf- und tatenlosen Mutter, seiner engen Beziehung zu seinen Geschwistern (allen voran seinem Bruder Philly), seinen Jugendfreunden, seinen frühen Siegen trotz der tiefen Ablehnung gegen das Tennis. Diese Ablehnung schildert er sehr glaubwürdig, und dennoch fällt es schwer zu glauben, dass jemand, der Tennis so sehr hasst, so erfolgreich sein konnte. Vermutlich geht das nur mit außerordentlichem Talent. Besonders berührend sind die Passagen über die enge Freundschaft mit Gil Reyes, seinen langjährigen Konditionstrainer. Andre Agassi hat ganz offensichtlich beschlossen – wie schon Monica Seles in ihrer Autobiografie -, schonungslos ehrlich zu sein, was sicher für ihn oft schmerzhaft war. Er beschönigt nichts, gibt zu, lange mit einem Haarteil gespielt zu haben, weil er bereits in jungen Jahren an Haarausfall litt, beschreibt seine gescheiterte erste Ehe mit Brooke Shields und seine offensichtlich sehr glückliche Ehe mit Steffi Graf. Seine fast schon heiligenhafte Verehrung der ehemaligen Nummer 1 des Damentennis grenzt allerdings oft, recht amerikanisch, ans Kitschige. Vermutlich haben sich da zwei gefunden, die eine vergleichbare Vergangenheit haben, Tennis-Vater inklusive. Ansonsten wirkt Steffi Graf eher wie eine recht farblose Person. Das Hauptaugenmerk des Buches liegt natürlich auf Agassis Tenniskarriere, seinen Auf und Abs, seinem spektakulären Comeback Ende der 90er, wobei diese Passagen aber immer mit den Ereignissen abseits des Tennisplatzes verwoben sind. Ich bin mir sicher, dass die Lektüre dieses Buches auch für Leute lohnend ist, die nichts mit Tennis am Hut haben.
Ich persönlich habe durch die Lektüre eine Person entdeckt, die absolut nichts mit dem Image zu tun hat, das ich von Andre Agassi hatte. Während er mich als Spieler in aktiven Zeiten eher kalt gelassen hat, hege ich nun ganz klare Sympathien für diesen Andre Agassi, der als ehrlicher, warmherziger Mensch mit einer ausgeprägten sozialen Ader rüberkommt. Deshalb steckt er auch seit einigen Jahren sehr viel Geld und sehr viel Energie in den Ausbau „seiner“ Schule für unterprivilegierte Kids.
Übrigens bin ich glückliche Besitzerin eines signierten Buchs, ergattert von meinem Schwesterherz bei einer Signierstunde in Las Vegas. Wartezeit: 1,5 Stunden.
Zum Abschluss noch ein Zitat, nachzulesen nach seinem ersten Grand-Slam-Sieg 1992 in Wimbledon: „A win doesn’t feel as good as a win feels bad, and the good feeling doesn’t last as long as the bad. Not even close.”
Bewertung:     Rezension: Dagmar Jenner
Seite drucken
2009-12-30
|
|