Buchrezension
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La suma de los días/Das Siegel der Tage

Autor: Isabel AllendeISBN: 3518420100

Isabel Allende ist für mich eine der großartigsten Schriftstellerinnen unserer Zeit und scheint auch eine sehr reizende Person zu sein – als solche habe ich sie bei einer Lesung in Wien erlebt und so wirkt sie auch weitestgehend in ihrem neuen, 2007 im spanischen Original erschienen Buch: “La suma de los días“ (deutsche Fassung: „Das Siegel der Tage“).
 
Dieses Buch ist wohlgemerkt kein Roman, sondern versteht sich als die Memoiren der Autorin der vergangenen Jahre. Während sie einen Großteil ihrer sehr mitreißenden Lebens- und Familiengeschichte sowohl in „Paula“ als auch „Mi país inventado“ („Mein erfundenes Land“) thematisiert hatte, dreht sich hier alles um die Zeit nach dem Tod ihrer Tochter und ihrer Hochzeit mit ihrem amerikanischen Mann und das neue gemeinsame Leben in Kalifornien. Während das alles absolut interessant und packend geschrieben ist, kann auch ein Isabel-Allende-Fan wie ich nicht umhin sich zu fragen, ob der Autorin möglicherweise die Inspiration für fiktionale Werke ausgegangen ist. Obwohl ich eine absolute Gegnerin von Klatschzeitschriften bin und mich nicht im Geringsten für die Höhen und Tiefen im Leben so genannter Stars oder gekrönter Häupter interessiere, räume ich gerne ein, dass ich es sehr genossen habe, einen einigermaßen intimen Blick in das Leben einer so begnadeten Schriftstellerin zu bekommen. Wenig überraschend hat auch sie ihre Defizite, die sie mit erstaunlicher Offenheit preisgibt, erlebt sie jeden neuen Roman als arbeitstechnischen Kraftakt, ist sich ihrer Unzulänglichkeiten durchaus bewusst und legt eine hinreißende Selbstironie an den Tag. Auch wenn kaum allzu intime Details thematisiert wurden, fühlte ich mich dennoch da und dort ein wenig ertappt, so, als ob ich unerlaubterweise durchs Schlüsselloch gespäht hätte.
 
Stilistisch ist auch dieses Buch an ihre verstorbene Tochter Paula gerichtet. Der Schmerz, mit dem die Autorin auch viele Jahre nach dem Tod ihrer einzigen Tochter leben muss, ist herzzerreißend. Ich litt bei der Lektüre mit ihr, wobei Isabel Allende niemals in Selbstmitleid verfällt. Sie glaubt an Geister (oder eher: möchte an sie glauben), was ihr den Abschied von Paula erleichtert, denn sie glaubt ihre Anwesenheit nach wie vor zu spüren. Das kann man belächeln – und teilweise tut es die Autorin selbst, in dem sie ihren vagen Glauben an übernatürliche Phänomene durch den Kakao zieht und die sie umgebende diesbezügliche Skepsis beschreibt. Mit herkömmlichen Religionen wiederum hat Isabel Allende, sehr sympathisch, wiederum überhaupt nichts am Hut.
 
Auch wenn es sich bei diesem Buch eben um keinen Roman handelt, liest er sich über weite Strecken wie einer: Isabel Allendes Familie ist durchaus roman- und filmreif. Da gibt es x-viele Hochzeiten und ebenso viele Scheidungen, da gibt es militante Homosexuellen-Hasserinnen, die sich als lesbisch entpuppen, Drogenabhängige, die noch in der Schwangerschaft Heroin spritzen, gefühlte tausende Stunden bei diversen Therapeutinnen und Psychologinnen (woran die Autorin nach anfänglicher Ablehnung großen Gefallen fand und was ihrem oft fragilen Familienzusammenhalt sehr half), ein stets offenes Haus, Reisen in „exotische“ Länder, enge Freundschaften – und viele Kinder. Apropos: Der einzige Bereich in diesem Buch, der mir ziemlich auf die Nerven ging und der auch knapp an meiner Toleranzgrenze für Kitsch vorbeischrammte, war die Beschreibung der Kinder der Autorin, eben der verstorbenen Paula und dem Sohn Nico. Die uneingeschränkte Verehrung, die sie auch dem noch lebenden Sohn entgegenbringt, ist oft regelrecht peinlich. Er wird sinngemäß als griechischer Gott beschrieben, absolut ausgeglichen, ruhig, der alles kann und weiß, auf jedem denkbaren Gebiet der Allerbeste, Klügste und Schlauste ist, stets alles im Griff hat, eine unschlagbare Lebensphilosophie geschaffen hat etc. Weshalb es laut Isabel Allende extrem verwunderlich sei, dass die Frauen nicht vor seiner Tür Schlange stünden. Ein einziger kritischer Satz kommt ihr über die verstorbene Paula über die Lippen bzw. Feder – aber sonst beschreibt sie ihre beiden Kinder als vollendete Geschöpfe.
 
So reizend Frau Allende bei ihren Lesungen und in ihren Büchern wirken mag, so anstrengend stelle ich sie mir als Mutter oder Schwiegermutter vor: Wie sie selbst einräumt, ist sie eine absolut versessene Großmutter. Erraten: Auch ihre drei Enkelkinder sind der Inbegriff der Perfektion und vollbringen kleine Wunder am laufenden Band. Diese Fixierung auf ihre Enkelkinder im engeren und auf ihre „Sippe“ im weitesten Sinne geht so weit, dass Isabel Allende einen Hausschlüssel für das Haus ihres Sohnes besitzt und kommt und geht, wie und wann sie will. Privatsphäre des Sohnes und der Schwiegertochter? Fehlanzeige. Oma kommt schon mal sonntags um 7 Uhr früh, getrieben von einem ununterdrückbaren Bedürfnis, mit ihren Enkelinnen zu kuscheln. In diesen gnadenlos ehrlichen Selbstbeschreibungen hinterlässt Isabel Allende teilweise den Eindruck einer schrulligen und etwas mühsamen Person, die sich durch exzessives Pflegen der Familienbande gegen das Ungemach dieser Welt wappnen will. Dies wirkt selbst auf Leute wie mich befremdlich, die viele Jahre in Lateinamerika verbracht haben und wissen, welchen hohen Stellenwert die Familie dort genießt.
 
Insgesamt ein durchaus interessanter Einblick in das Leben einer bemerkenswerten Frau – dennoch habe ich den Eindruck, dass sie derzeit von ihrer literarischen Höchstform weit entfernt ist. Ich hoffe, dass so bald kein weiteres autobiografisch gefärbtes Buch nachfolgt und wünsche mir inständig, dass sie bald wieder ein absolut magisches, packendes Buch schreibt, wie sie es zu Anfang ihrer literarischen Karriere getan hat. Dass sie auch dazu aus ihrem reichhaltigen Familienleben schöpft, ist egal – ich ziehe die Lektüre über fiktionale Charaktere der Lektüre über das Leben und Leiden ihrer realen Vorbilder um einiges vor. Denn sonst könnte ich ja anstelle von Literatur Klatschmagazine lesen.
 
 

 

 

Bewertung:Rezension: Dagmar Jenner
Seite drucken 2009-04-20

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