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Die Arbeit der Nacht
Autor: Thomas Glavinic ISBN: 3446207627
Gleich vorweg: Ich hatte mir von diesem Roman sehr viel mehr erwartet. Dass der Stoff – Mann erwacht in einer menschenleeren Welt – nicht neu ist, stört mich nicht (gibt es denn einen Stoff, der noch nicht literarisch behandelt wurde? Ich denke nicht). Letztlich geht es um die sprachliche Umsetzung der Idee – und gerade darin liegt für mich eine Schwäche des Romans (die nicht wenigen Logikfehler machen es natürlich nicht gerade besser). Die Handlung ist angesichts des beachtlichen Erfolgs des Romans und den vielen positiven Rezensionen hinlänglich bekannt: Jonas erwacht im menschenleeren Wien und ist, soweit er das in späteren Ausflügen feststellen wird, tatsächlich allein auf der Welt.
Der erste Teil des Romans entwickelt einen wahren Sog der Beklemmung und Angst. Auf der überfüllen Einkaufsstraße drängte sich mir der Gedanke auf: Was wäre, wenn die auf einmal alle weg wären? Was für uns nicht direkt Betroffene ad hoc wie eine Befreiung klingen mag, entwickelt sich für die Hauptfigur zum Fluch. Jonas irrt umher auf der Suche nach anderen Menschen und entwickelt gleichzeitig paranoide Züge, fühlt sich ständig verfolgt. Es ereignen sich rätselhafte Dinge, bei denen nicht mal ansatzweise klar wird, was es damit auf sich hat.
Eng verbunden mit der plötzlichen Einsamkeit sind einige existentielle Fragen, zum Beispiel: Was bedeutet es, „Mensch“ zu sein? Angesichts des zunehmenden Verlusts der zivilisatorischen Fähigkeiten seiner Hauptperson – der ganz harmlos damit anfängt, dass Jonas sich die Finger am Tischtuch abwischt – und dessen langsamen Verfall in den Wahnsinn scheint die Antwort des Autors klar zu sein: Nur die Gesellschaft macht den Menschen zum Menschen. Mensch und Gesellschaft brauchen sich gegenseitig – und sei es allein auf der Ebene der Arbeitsteilung. Seine quälenden Zahnschmerzen wird Jonas mangels ärztlicher Hilfe nicht los.
Die philosophischen Reflexionen, die oft über stakkatoartige Satzfetzen nicht hinausgehen, mögen, wenn sie dem jungen Jonas in den Mund gelegt werden, zwar fortschrittlich sein (Existieren Dinge auch dann, wenn sie niemand sieht?), für einen Erwachsenen wirken sie besonders ob der gebetsmühlartigen Wiederholung und der mangelnden Vertiefung der Gedanken reichlich hanebüchen.
Nach dem fulminanten Start verliert sich der Roman in endlosen Schilderungen von Filmaufnahmen und Tagesabläufen, die sich immer wieder gleichen. Videokameras werden auf- und wieder abgebaut, eine Wohnung wird aus- und wieder eingeräumt, es geschehen zunehmend bizarre Dinge etc. Auch bei der Leserin machen sich Ermüdung und Erschöpfung breit.
Das aufschlussreiche Finale, auf das ich insgeheim gehofft hatte, findet nicht statt. Nicht mal ansatzweise. Am Schluss fährt Jonas noch in abenteuerlicher Manier mit dem Moped durch den Eurotunnel nach England auf der Suche nach seiner Freundin. Apropos:
Als ein wenig störend empfand ich die wüst romantischen und ein wenig postpubertären Reminiszenzen an ebendiese Freundin, die, wie alle anderen Menschen auch, verschwunden ist. Es liest sich so, als ob der Autor frisch verliebt wäre und seiner Freundin ein kleines literarisches Denkmal setzen wollte.
Es war beim Lesen offensichtlich, dass am Schluss keine Aliens vom Himmel schweben würden, um den ganzen Spuk aufzuklären. Und ein Paukenschlagfinale wie in einem Kitschroman wäre natürlich auch unangebracht gewesen – aber dass der Autor seine LeserInnen dermaßen in der Luft hängen lässt, fand ich sehr enttäuschend. Letztlich verläuft alles im Nichts. Ich bezweifle, dass sich darin eine größere Botschaft verbirgt. Viel mehr beschlich mich der Eindruck, dass sich der Autor hier wenig elegant aus der Affäre ziehen wollte. Es bleibt das unbefriedigende Gefühl, 395 Seiten gelesen zu haben und beinahe so klug wie zuvor zu sein. Bewertung:     Rezension: Dagmar Jenner
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2006-11-16
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