Buchrezension
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Das Wetter vor 15 Jahren

Autor: Wolf HaasISBN: 3455400043

Frau muss es einfach sagen, wie es in ihren Augen ist: Dieses Buch ist ein echter Geniestreich – betreffend dessen Form, wohlgemerkt. Es ist schon unglaublich viel über „Das Wetter vor 15 Jahren“ geschrieben worden, weshalb das Innovative daran hinlänglich bekannt sein dürfte. Hier dennoch in aller Kürze: Der Roman ist nicht in der gängigen Romanform als Erzählung in der 1. oder 3. Person geschrieben, sondern besteht ausschließlich aus einem Interview zwischen einer Literaturkritikerin und Wolf Haas selbst. Durch das Frage- und Antwortspiel zwischen den beiden erschließt sich der Inhalt des Romans – wobei vorgegeben wird, dass es diesen Roman tatsächlich gibt. Aber es gibt keinen Roman – Anrufe beim Verlag sinnlos. Das Interview ist der Roman. Bei einer Lesung im Sommer 2006 begründete Wolf Haas die Wahl dieser Form damit, dass sich die Art und Weise, in der Liebesromane geschrieben werden, seit Jahrhunderten nicht geändert hätte – während andere Kunstformen grundlegende Veränderungen durchliefen, wie zum Beispiel die Malerei.
Das mag alles sein und es ist unbestritten, dass die Form dieses Buches alle Konventionen sprengt und damit schlicht und ergreifend einem Geniestreich gleichkommt. Allerdings ist die Geschichte selbst – also nicht die Form, sondern der Inhalt – so konventionell und abgedroschen, dass es schlimmer kaum geht. Bis zur Braut, die bereits mit einem anderen vor dem Altar steht, ist wirklich alles dabei. Das fand ich besonders vor dem Hintergrund des außergewöhnlichen Erzählstils ein wenig enttäuschend.
Ansonsten haben mich die in typisch Haas’scher Manie ständig eingestreuten Wiederholungen genervt: Unter anderem, dass die „Literaturbeilage“, wie die Interviewerin ganz uncharmant genannt wird, ständig statt „wirklich“ „würklich“ sagt. Ist schon klar, dass sich Haas über deren Aussprache lustig machen will, aber ein oder zwei Mal hätten auch gereicht. Da ging es mir so wie bei der Brenner-Lektüre, wo ich oft dachte: Wenn der jetzt noch einmal „pass auf, was ich dir jetzt sage“ sagt, platzt mir der Kragen.
Aber nein, der Kragen ist mir diesmal nicht geplatzt. Das Buch hat mir angesichts seines bahnbrechenden Stils unglaublich gut gefallen. Die Geschichte einer Verliebtheit seitens des Vittorio Kowalski in Anni, die Tochter der Zimmervermieter der Ferien seiner Kindheit, wird bei der Lektüre des Buches so lebendig, als ob es diese beiden Personen tatsächlich gäbe. Und als hätte der Auftritt bei „Wetten, dass…?“, bei dem Vittorio einzigartige Meteorologie-Kenntnisse in Zusammenhang mit ebendiesem Urlaubsort zum Besten gibt, tatsächlich stattgefunden. Kurzum: Das Buch ist wahnsinnig lebendig und liest sich hervorragend flüssig und auch spannend. Respekt vor dieser Meisterleistung in Sachen Form und einen halbherzigen Applaus für den letztlich konventionellen Inhalt.

Bewertung:Rezension: Dagmar Jenner
Seite drucken 2007-09-11

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