Buchrezension
Startseite Rezensionen Team Kontakt FAQs Verlage Blog

Der norwegische Gast

Autor: Anne HoltISBN: 3492046932

Wie ich bei jeder Gelegenheit betone, mag ich im Grunde keine Krimis. Das liegt in erster Linie daran, dass das Leben grausam genug ist – ein morgendlicher Blick in die Zeitung genügt. Natürlich kommen auch bei anspruchsvollen Büchern Menschen zu Tode, das gehört leider dazu. Aber normalerweise mag ich es nicht, wenn sich Bücher ausschließlich um Morde und deren Aufklärung drehen. Dieses voyeuristische Element trifft zwar bedauerlicherweise den Nerv der Zeit, spricht mich persönlich aber nicht an.

 

Gelegentlich lese ich dennoch einen Krimi, vor allem, wenn er so gut rezensiert wurde wie dieser Roman von Anne Holt. Auch wenn der gut geschrieben und spannend zu lesen ist, bleibt am Ende doch wieder die Erkenntnis, dass der Krimi einfach nicht mein Genre ist. Vielleicht sollte ich wirklich langsam die Finger davon lassen.

 

Auch Nicht-Krimi-Expertinnen erkennen die Ausgangssituation dieses Romans als ganz klassischen Krimistoff: Ein Haus mit Menschen, von der Außenwelt abgeschnitten - und dann passieren zwei Morde. Der Bösewicht muss also einer von den Gästen sein. Da sich in dem Hotel rund 200 Menschen befinden, kann die Autorin naturgemäß nicht jede einzelne Person beschreiben – unter denen, die Anne Holt sehr wohl beschreibt, befindet sich natürlich auch dann jene, die die Verbrechen begangen hat. Mich hat die Lösung übrigens sehr überrascht – ob es erfahrenen Krimileserinnen dabei auch so geht? Wahrscheinlich schon. Da und dort finde ich, dass Anne Holt die Stimmung, die in so einer unangenehmen Situation herrschen muss, noch viel besser hätte beschreiben können. Als Leserin hatte ich nicht das Gefühl, vor Ort zu sein.

 

Jedenfalls ergibt sich diese sehr unangenehme Situation dadurch, dass ein Zug fast im Niemandsland, in Finse in Norwegen, bei Eis und Schneesturm, verunglückt. Einziges bedauerliches Todesopfer: der Zugführer. Alle Fahrgäste werden in ein nahe gelegenes Hotel gebracht, wo sie bestens versorgt werden, allerdings besagte Morde geschehen. Das Hotel ist eingeschneit, die Witterung extrem ungemütlich. Im oberen Stockwerk des Hotels logieren übrigens Fahrgäste, die aus welchem Grund auch immer eine Sonderbehandlung genießen. Praktischerweise befindet sich auch eine ehemalige Polizistin, die durch einen missglückten Einsatz leider im Rollstuhl sitzt, unter den Hotelgästen. Trotz anfänglichen Widerwillens macht sie sich dann doch still und leise an die Ermittlungen. Diese Hanne Wilhelmsen ist sehr kratzborstig – scheint bei Hauptfiguren derzeit „in“ zu sein -, was hauptsächlich an ihrer körperlichen Beeinträchtigung liegt. Dazu treten andere durchaus widersprüchliche und komplexe Figuren auf, die den Krimi spannend zu lesen machen – die brenzlige Situation tut natürlich ein Übriges. Ein sehr „klassischer“ Krimi also in einem „klassischen“ Setting – es gibt kein großes Showdown, nur die Auflösung durch Hanne Wilhelmsen. Gut zu lesen, literarisch vernachlässigbar, aber durchaus solide Unterhaltung. Für diejenigen, die auf das Genre stehen, wahrscheinlich noch deutlich mehr als für mich.

Bewertung:Rezension: Dagmar Jenner
Seite drucken 2008-11-10

Buchrezension @ Twitter © 2006 Übersetzungsbüro Texterei Wien : Englisch, Spanisch, Französisch # # AddThis Social Bookmark Button # # Impressum # Links
© www.Buchrezension.eu Vervielfältigung, Nachdruck und auszugsweise Entnahmen bedürfen vorheriger, schriftlicher Genehmigung durch die Medieninhaberin.