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Antisemitismus in Deutschland 1815- 1918
Autor: Thomas Gräfe ISBN: 3837001385
Mit Büchern zur Geschichte des Antisemitismus lassen sich mittlerweile ganze Bibliotheken füllen. Auch an schmalen Überblicksdarstellungen herrscht kein Mangel. Dennoch ist die Arbeit von Thomas Gräfe in zweierlei Hinsicht einzigartig und füllt eine Lücke auf dem Buchmarkt.
Erstens ist Gräfes Buch im Unterschied zur typischen Überblicksliteratur nicht (ausschließlich) als positivistische Präsentation historischer Fakten, sondern als Einführung in die historische Antisemitismusforschung konzipiert. Dazu bietet es sechs Rezensionen aktueller Monographien, einen umfangreichen Forschungsüberblick und eine über 500 Titel umfassende Bibliographie. Der Blick auf das Theorieangebot der Nachbarwissenschaften (Psychologie und Soziologie) und die vorherrschenden „Denkstile“ in der Historiographie ermöglicht es dem Leser, die vorgestellten Forschungsergebnisse in den Gesamtzusammenhang des wissenschaftlichen Diskurses einzuordnen. Besonders gelungen sind die Kapitel zur Begriffsgeschichte (insbesondere zum Verhältnis von Antijudaismus und Antisemitismus sehr erhellend!) und die Darstellung des Wandels der Geschichtsschreibung zum modernen Antisemitismus im Dreischritt Politik- und Ideengeschichte – Sozialgeschichte – „neue Kulturgeschichte“. Obwohl zuweilen holzschnittartig, ist der „theoretische“ Teil des Buchs geradezu ein Fest für Studenten und Historiker, die sich zeitsparend ins Thema einarbeiten wollen. Die Fülle bewältigter Literatur, die kompetente Aufarbeitung von Forschungsständen und die verständliche Erörterung theoretisch- methodischer Fragen sind in dieser Qualität und Kompaktheit nirgendwo anders zu finden.
Zweitens bietet Gräfes Buch eine neue Perspektive, indem es unter Einbeziehung des „Frühantisemitismus“ nach jenen Elementen fragt, die für Judenfeindlichkeit im 19. Jahrhundert typisch waren. Der Autor übt Kritik an vorschnellen Kontinuitätsthesen, die den modernen Antisemitismus in einen „ewigen Judenhass“ seit dem Mittelalter einordnen, oder ihn auf eine Vorgeschichte des Nationalsozialismus reduzieren. Weder lasse sich der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts auf den Nenner eines biologistischen Rassismus bringen. Noch sei er ausschließlich auf eine abstrakte Ideologie reduzierbar, hinter der sich Ziele verbargen, die mit der „Judenfrage“ nichts zu tun hatten. Demgegenüber zeigt Gräfe an Hand neuer sozial- und kulturgeschichtlicher Studien auf, dass sich der moderne Antisemitismus zwischen 1815 und 1918 primär gegen die Juden als aufstrebende ethnisch- religiöse Minderheit richtete, wie z.B. in Auseinandersetzungen um die Judenemanzipation, in der christlich- konservativen Judenfeindlichkeit unter Protestanten und Katholiken, in Konflikten um Inklusion- und Exklusion von Juden im Bildungsbürgertum und im städtischen Raum oder in der Eruption judenfeindlicher Gewalt an der Peripherie. So gelingt es dem Autor, die epochenspezifischen Konturen des Antisemitismus zwischen Wiener Kongress und Novemberrevolution schärfer herauszuarbeiten als dies bisher geschehen ist.
Wer sich nicht nur für historische Fakten zum Thema Antisemitismus interessiert, sondern sich auch über den Stand des wissenschaftlichen Diskurses informieren will, ist hier an der richtigen Adresse. Bewertung:     Rezension: Klaus Bernhardt
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2008-02-24
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