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Die Schnecke
Autor: Wolfgang Schömel ISBN: 3608935738
13 „überwiegend neurotische Geschichten“ sind in diesem Erzählband vereint. Wobei sich erst mal die Frage aufdrängt, was genau neurotisch ist. Jemand, der seine Hosen gemäß der Hegelschen Ästhetik ordnet oder diebische Freude daran empfindet, von weitem per Funk die Autotüren auf- und wieder abzusperren? Oder einer, der im Wald seine Marihuana-Pflänzchen mit chilenischem Pinguinkot düngt? Wie dem auch sei:
Diese Geschichten kreisen um Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens und um existentielle Nöte, verpackt in sehr heiterem Gewand. Die Helden der Geschichten – es sind alle Männer – empfinden sich als in dieser Welt völlig deplatziert, auch wenn der eine oder andere von ihnen äußerlich angepasst ist. Zu ihren „Glanzpunkten des Daseins“ gehört zum Beispiel das Nickerchen nach dem Joggen. Sie empfinden sich selbst als „in jeder Hinsicht unzumutbar“, sie gehen in „Mission Null“ durchs Leben und es langweilt sie alles, abgesehen von sexuellen Dingen. Dem Streben nach Sex und Nähe gilt dann auch die gesamte Aufmerksamkeit, wobei die Erfolgschancen meist eher gering sind – und wenn, dann kann Mann es kaum fassen: „Unbegreiflicherweise sind wir noch immer zusammen.“
Da ist es nur konsequent, wenn die bedingungslose Begierde nach Frauen auch manchmal ins Gegenteil umschlägt. Die angesichts des ewigen Scheiterns an den Pforten der weiblichen Welt entstandenen Ressentiments äußern sich mitunter in frauenfeindlichen Anflügen: Da tummeln sich beispielsweise „Kampflesben mit Chemotherapiefrisur“ neben „schauderhaften Inkorporationen des weiblichen Prinzips“. Wobei sich der beißende Zynismus des Icherzählers durchaus auch auf den Rest der Menschheit erstreckt und nicht zuletzt gegen sich selbst richtet. Diese Selbstironie, mit der sich der Icherzähler selbst durch den Kakao zieht, ist einer der Höhepunkte der Lektüre.
Was habe ich gelacht über „Die Putzhilfe“, in der die Bemühungen um die sexuelle Zuwendung ebendieser Dame beschrieben werden. Oder über „Planet Eden“, der die Ausflüge der Hauptperson zu den Anonymen Sexsüchtigen und darüber hinaus beschreibt. Und bei „Killing me softly“ über das sexuelle Erwachen eines Aushilfs-Briefträgers, den sie „Erdbeerdingi“ nannten. Letztlich handeln alle Geschichten von mehr oder weniger auf die leichte Schulter genommenen existentiellen Nöten – weshalb sich oft ein Gefühl von Unangemessenheit einschleicht, wenn man (und natürlich frau) sich beim Lesen munter auf die Schenkel haut.
Wenn es denn mal klappt mit den Frauen und dem Sex, so kippt Letzterer oft ins Grotesk-Lächerliche und eignet sich somit nur bedingt zur längerfristigen Überwindung des Gefühls der „Existenzverschwendung“.
Während die ersten 12 Geschichten in „Die Schnecke“ oft grenzenlos witzig und gleichzeitig nachdenklich sind, ist die 13. Geschichte, „Das Wiedersehen“, von der erdrückenden Last einer Schuld geprägt und greift vor auf den danach erschienen Roman „Ohne Maria“ - übrigens einer jener Romane, die mich in den letzten Jahren am meisten berührt haben.
Übrigens: Erst einen intensiven Annäherungsversuch an die nette Zugbekanntschaft zu starten und im nächsten Moment zu vergessen, sie um ihre Telefonnummer zu bitten - das passiert in meinen Augen sowohl im echten Leben als auch in Büchern ausschließlich Männern. Ein weiterer Beweis der völlig konträren kommunikativen Welten?
Bewertung:     Rezension: Dagmar Jenner
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2006-11-10
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